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Gudrun Lemle (66) wurde für ihren langjährigen Kampf gegen die Ewigkeits-Chemikalien PFAS nominiert. Was sie antreibt, erklärt sie im ausführlichen Interview. Online-Abstimmung um Auszeichnung läuft bis 1. Dezember.

(ty) Seit mehr als acht Jahren setzt sich Gudrun Lemle dafür ein, dass wirksame Maßnahmen gegen die als Ewigkeits-Chemikalien geltenden per- und polyfluorierten Alkyl-Verbindungen (PFAS) getroffen werden. Diese haben, wie oftmals berichtet, unter anderem im Raum Manching zu hohen Belastungen des Grundwassers geführt. Für dieses außergewöhnliche Engagement wurde die Vorsitzende der Interessen-Gemeinschaft "No PFAS Manching e.V." nun für den mit 50 000 Euro dotierten Bürgerschafts- und Engagement-Preis "Druck machen – Für die Umwelt!" der Deutschen Umwelthilfe (DUH) in der Kategorie "Umweltheld*in" nominiert. Aus über 500 Vorschlägen hat es Lemle bereits unter die ersten Zehn geschafft. Bis einschließlich 1. Dezember kann online darüber abgestimmt werden, wer bei dem Wettbewerb ganz vorne landen soll. In einem Interview mit unserer Zeitung erklärt die 66-Jährige die Beweggründe für ihren Einsatz und was sie damit erreichen möchte.

Frau Lemle, was ging in Ihnen vor, als Sie erfahren haben, dass Sie es in die Endrunde um den Bürger- und Engagement-Preis der DUH geschafft haben?

Gudrun Lemle: "Für mich kam das völlig überraschend, da ich ja nicht einmal wusste, dass ich vorgeschlagen wurde. Natürlich habe ich mich sehr über die Nominierung gefreut. Ich sehe sie nicht nur als Anerkennung für mein langjähriges Engagement, sondern auch als Würdigung der Arbeit unseres Vereins und all der Menschen, die sich gegen PFAS einsetzen. Die Nominierung zeigt auf jeden Fall: Wir werden gehört. Sie bietet darüber hinaus die Chance, der PFAS-Problematik noch mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen."

Wo liegen die Ursprünge Ihres ehrenamtlichen Engagements für "No PFAS Manching"?

Lemle: "Alles begann 2012 mit der Entdeckung von perfluorierten Tensiden (PFT) im Lindacher Weiher. Obwohl ich dort im Sommer jeden Tag beim Schwimmen war, hinterließ die Nachricht von der Belastung bei mir ein schlechtes Gefühl, weshalb ich schweren Herzens darauf verzichtete. Durch Medien-Berichte aus 2015 und eine Informations-Veranstaltung im Jahr 2017 wurde die durch Löschschaum verursachte Kontamination, die vom Flugplatz Manching ausgeht, öffentlich bekannt. Danach war in Lindach und Westenhausen nichts mehr, wie es einmal war. Per Allgemein-Verfügung von 2018 wurde schließlich die erlaubnisfreie Grundwasser-Nutzung in unserem Gebiet bis 2032 untersagt. Vom Verzehr von Fischen wurde abgeraten. Damit wurde klar: Hier geht es nicht mehr nur um Mess- und Grenzwerte. Hier geht es um unser Wasser, unsere Böden und die Frage, wie wir unsere Gesundheit und Umwelt schützen."

Was haben Sie danach konkret unternommen?

Lemle: "Die Verunreinigung unserer Heimat mit diesen langlebigen Chemikalien durfte nicht länger widerspruchslos hingenommen werden. Die Allgemein-Verfügung war gewissermaßen ein Weckruf und Anlass für die Gründung einer Bürger-Initiative, aus der die heutige gemeinnützige 'IG No PFAS Manching' hervorgegangen ist. Damit begann 2018 für mich ein ehrenamtliches Engagement, das mich bis heute begleitet. In all den Jahren gab es kaum einen Tag, an dem ich mich nicht mit PFAS beschäftigt habe. Was damals mit einer konkreten Belastung vor unserer Haustür begann, ist längst zu einer überregionalen Aufgabe geworden, für die ich mich mit Überzeugung und voller Kraft einsetze. Aus diesem Antrieb heraus entstand auch mein Slogan: Volle Kanne gegen PFAS."

Was hat Sie bewogen, sich über viele Jahre so einzusetzen?

Lemle: "Je länger ich mich mit PFAS beschäftige, desto klarer wird mir, wie weitreichend das Problem ist und wie wenig das vielen Menschen bislang bewusst ist. Die Sorge um unsere Gesundheit, unsere Umwelt und die Zukunft kommender Generationen ist meine Motivation. Denn dieses Jahrhundert-Gift darf kein Jahrhundert-Problem bleiben. PFAS machen nicht an Gemeinde- oder Landes-Grenzen halt. Sie sind längst ein globales Problem, das uns alle betrifft. Deshalb war und ist es mir wichtig, nicht nur vor Ort in Manching, sondern auch überregional auf die Problematik aufmerksam zu machen, Menschen zu informieren und mich mit anderen Engagierten zu vernetzen."

Können Sie das näher beschreiben?

Lemle: "Mit Informations-Videos und einem eigenen PFAS-Protest-Song versuchen wir Aufmerksamkeit für dieses Thema zu wecken. Mein Engagement hat mich auch nach Brüssel geführt, wo ich Gespräche mit Europa-Abgeordneten geführt und mich mit anderen Betroffenen und Engagierten ausgetauscht habe. Mir ist wichtig, dass die Erfahrungen der Menschen vor Ort auch auf europäischer Ebene Gehör finden und in Entscheidungen einfließen. Denn sauberes Wasser und eine gesunde Umwelt sind keine Selbstverständlichkeit, sondern unsere gemeinsame Verantwortung."

Was hat das Thema in Ihnen selbst ausgelöst?

Lemle: "Mein Engagement gegen PFAS hat mich persönlich stark geprägt, viele meiner Sichtweisen verändert und einen großen Raum in meinem Privatleben eingenommen. Wenn ich heute an einer Grundwasser-Mess-Stelle vorbeikomme, Schaum auf einem Gewässer sehe oder Fisch esse, ist PFAS sofort in meinem Kopf. Das ist eine Belastung, die nicht spurlos an einem vorbeigeht. Viele schlaflose Nächte liegen hinter mir. Gleichzeitig habe ich gelernt, genauer hinzuschauen, Fragen zu stellen und mich nicht damit zufriedenzugeben, wenn Dinge einfach als gegeben dargestellt werden. Ich möchte dazu beitragen, die PFAS-Belastung zu reduzieren und strengere Schutzmaßnahmen voranzubringen."

Was treibt Sie an, in Ihrem Kampf für die Umwelt trotz mancher Rückschläge nicht aufzugeben?

Lemle: "Zwei Gedanken motivieren mich. Erstens: Wer, wenn nicht wir Betroffenen, soll diesen Teufelskreis durchbrechen? Und: Welchen Planeten wollen wir unseren Nachkommen einmal übergeben? Natürlich gibt es auch Rückschläge und Tage mit aufkeimender Frustration. Beispielsweise wenn Veränderungen auf sich warten lassen oder Ergebnisse von Probenahmen viel länger dauern, als man sich das wünschen würde. Gerade bei Umwelt-Schäden ist der Zeitfaktor ein brisantes Thema, das die Gemüter der Betroffenen erhitzt. Viel zu oft mussten wir hören, dass dies oder jenes aus den unterschiedlichsten Gründen nicht umsetzbar sei. Doch die Grenzen anderer waren nie meine Grenzen. Denn vermeintlich Unmögliches bleibt nur so lange unmöglich, bis jemand das Gegenteil bewirkt. Mich haben gerade diese vermeintlichen Hürden nur noch mehr angespornt."

Was haben Sie mit der Interessen-Gemeinschaft schon erreicht?

Lemle: "Es war ein langer Weg, aber mit der Errichtung einer Abstrom-Sicherung wurde unsere zentrale Forderung nach einer Pump-and-Treat-Anlage zur Grundwasser-Reinigung umgesetzt – ein gemeinsamer Erfolg aller Beteiligten. Zudem halten wir das PFAS-Problem in Manching in der Öffentlichkeit präsent, stehen in regelmäßigem Austausch mit Behörden, informieren über Belastung, neue Erkenntnisse und ihre Folgen und schieben notwendige Maßnahmen unnachgiebig an. Wir nutzen alle demokratischen Mittel, um uns Gehör zu verschaffen, veröffentlichen Offene Briefe und reichen Petitionen ein. Unermüdlich stellen wir unbequeme Fragen und haken beharrlich bei offenen Punkten nach. Dabei geht es nicht um Schuld-Zuweisungen, sondern um Aufklärung, Transparenz und praktikable Lösungen."

Und was sind für die Zukunft Ihre wichtigsten Ziele?

Lemle: "Auch wenn seit 2025 als vorgezogene Sanierungs-Maßnahme die Grundwasser-Reinigung entlang der nördlichen Start- und Landebahn läuft – das PFAS-Problem ist damit noch lange nicht gelöst. Auf der Liegenschaft gibt es weitere kontaminierte Flächen sowie zwei Hotspots im Bereich des ehemaligen Feuerlösch-Übungsbeckens und der Südbahn. Hier drängen wir auf die Ausschreibung einer Varianten-Untersuchung, die als Grundlage für weitere mögliche Sanierungs-Maßnahmen dienen soll. Langfristiges Ziel ist die Aufhebung der Allgemein-Verfügung für die Manchinger Ortsteile Lindach und Westenhausen."

Bei Ihrem Engagement blicken Sie weit über Manching hinaus...

Lemle: "Ja, überregional möchte ich die Vernetzung mit anderen Betroffenen und Initiativen weiter voranbringen. Vielerorts stehen Menschen, nicht nur bei uns in Bayern, vor ähnlichen Fragen, deren Antworten wir uns einst mühsam erarbeiten mussten. Ich möchte dazu beitragen, vorhandenes Wissen zusammenzuführen, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam mehr Gehör zu finden. Grundsätzlich muss die Vermeidung weiterer Belastungen stärker in den Mittelpunkt rücken, statt sich vor allem auf die Beseitigung bereits entstandener Schäden zu konzentrieren. Wir dürfen nicht erst anfangen zu reagieren, wenn das Grundwasser oder andere Teile der Umwelt bereits belastet sind. Dazu gehört für mich auch ein verantwortungsvollerer Umgang mit Einleitungs-Genehmigungen für unsere Flüsse. Denn Schadstoffe machen nicht an Landes-Grenzen halt – die Folgen können auch Menschen in anderen Ländern betreffen. Zusammen mit der IG 'No PFAS Manching' stehe ich für etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: sauberes Wasser."

Was müsste passieren, dass Sie sagen könnten: Mission erfüllt?

Lemle: "Die Mission sehe ich erst dann erfüllt, wenn Belastungen konsequent verhindert und bereits belastete Gebiete wirksam und nachvollziehbar saniert werden. Für Manching würde das bedeuten, dass sich die Grundwasser-Situation nachhaltig verbessert, die Allgemein-Verfügung aufgehoben werden kann und auch beim Fisch-Verzehr wieder Sicherheit besteht. Denn ich wünsche mir, dass Lindach und Westenhausen in der öffentlichen Wahrnehmung irgendwann wieder für mehr stehen als für Ortsteile mit PFAS-Belastung. Zudem ist es mir wichtig, dass PFAS-Betroffene nicht mehr jahrelang um Informationen und Lösungen kämpfen müssen. Transparenz und verantwortungsvolles Handeln wären für mich ein echter Fortschritt – nicht nur in Manching, sondern überall."

Und global gesehen?

Lemle: "Da sehe ich meine Mission erst erfüllt, wenn der Schutz von Wasser, Natur und Gesundheit schwerer wiegt als kurzfristiger Profit. Mag sein, dass das utopisch klingt. Aber Geld lässt sich ersetzen – eine vergiftete Umwelt und sauberes Trinkwasser nicht. Hier braucht es meines Erachtens ein grundlegendes Umdenken. Es darf nicht länger als normal gelten, dass Konzerne die Gewinne einstreichen, während die Solidar-Gemeinschaft für den entstandenen Schaden aufkommen muss. Vielleicht werde ich diesen Wandel nicht mehr vollständig erleben. Aber das darf kein Grund sein, nicht dafür zu kämpfen. Vielmehr müssen heute die Weichen gestellt werden, damit kommende Generationen eine lebenswerte und möglichst unbelastete Umwelt vorfinden."

Was würden Sie im Falle eines vorderen Platzes mit dem Preisgeld machen?

Lemle: "Ich würde das Preisgeld für den Aufbau einer PFAS-Informations- und Vernetzungs-Plattform einsetzen. Diesen Gedanken verfolge ich übrigens schon länger. PFAS-Betroffene brauchen einen Ort, an dem sie verlässliche Informationen finden, Erfahrungen austauschen und Kontakte zu anderen Betroffenen und Initiativen knüpfen können. Informationen über PFAS sind zwar bereits vorhanden, aber oft weit verstreut. Dieses Wissen zusammenzuführen und Menschen miteinander zu verbinden, wäre ein wichtiger nächster Schritt. Dabei geht meine Vision über eine reine Informations-Plattform hinaus: Ich möchte eine Gemeinschaft schaffen, die sich gegenseitig stärkt und viele einzelne Stimmen zu einer gemeinsamen, unüberhörbaren Kraft verbindet – sichtbar, schlagkräftig und bereit, spürbare Veränderungen anzustoßen.
Denn PFAS haben in unserer Umwelt, unserem Wasser, auf unserem Teller und in unserem Körper absolut nichts zu suchen. Deshalb freue ich mich über jede Stimme, die uns diesem Ziel ein wenig näher bringt."

Bürgerschafts- und Engagement-Preis der Deutschen Umwelthilfe

Aus mehr als 500 Einreichungen hat eine Vor-Jury der Deutschen Umwelthilfe Menschen ausfindig gemacht, die sich in herausragender Weise für die Natur, das Klima und eine lebendige Zivilgesellschaft einsetzen. Und die durch ihr Vorbild auch anderen Mut machen und ganz konkret aufzeigen, wie David gegen Goliath doch gewinnen kann. Der Bürgerschafts- und Engagement-Preis "Druck machen – Für die Umwelt!" ist mit insgesamt 50 000 Euro dotiert. In der Kategorie "Umweltheld*in des Jahres", für die Gudrun Lemle aus Manching-Westenhausen nominiert ist, entscheidet zu 50 Prozent das Publikum und zu 50 Prozent eine Jury. An der öffentlichen Wahl, die noch bis zum 1. Dezember online läuft, kann man unter diesem Link teilnehmen.


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