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Die Ingolstädter Mobilitätshelfer kümmern sich hingebungsvoll um Menschen, die ihren Alltag alleine nicht mehr bewältigen können – Und die "Kunden" sind in erster Linie alte Damen

Von Denise Steger

„Nicht so schnell, Frau Bansemir, wir haben Zeit“, ruft Marcus Maraslioglu, doch die 84-Jährige ist kaum zu bremsen und rennt weiter mit ihrem Rollator voraus, den Gehweg entlang. Ihre kurzen weiß-grauen Haare wippen mit jedem Schritt auf und ab. Hannelore Bansemir grinst schon die ganze Zeit. Heute geht es zum einkaufen. Endlich. Kaum ist der Supermarkt in Sicht, legt Hannelore noch einen Zahn zu. „Ich brauch auf jeden Fall Hühnerklein“, sagt sie und dreht sich lächelnd zu Marcus um. „Alles kein Problem, Frau Bansemir“, antwortet der und grinst zurück.

Gut eine Stunde zuvor steht Marcus mit seinen beiden Kollegen Christian Kopez und Kilian Styhler vor dem Kolpinghaus in Ingolstadt. Sie gehören zu dem Team von „Mobil für IN“. Sie sind Mobilitätshelfer. „Wir helfen Menschen beim Einkaufen und begleiten sie bei Behördengängen oder Arztbesuchen“, sagt Marcus. Mit Menschen sind prinzipiell alle Bürger gemeint. Allerdings sind es schon fast ausnahmslos ältere Menschen, die die kostenlosen Dienste in Anspruch nehmen.

„Wir haben am häufigsten alte Frauen, die sich begleiten lassen. Alleine könnten viele gar nicht mehr zum Einkaufen, oder hätten Probleme zum Arzt zu kommen. Wir begleiten diese Menschen und passen auf, dass sie sicher am Ziel ankommen.“ Begleiten bezieht sich vor allem auf die Busfahrt. Denn damit kommen die Busbegleiter mit ihren Auftraggebern ans Ziel. „Wir sind ein Team von zehn Leuten. Acht davon sind eigentlich immer unterwegs, der Rest kümmert sich im Büro um die Auftragsannahme“, erklärt Marcus.

Wenn die Busbegleiter gerade einmal keinen Auftrag haben, fahren sie im Bus „Streife“ und stehen bereit, wenn jemand beim ein- oder aussteigen Hilfe benötigt. Ob Rollstuhlfahrer, eine Frau mit Kinderwagen oder nur ein älterer Herr mit Krückstock. Wer Hilfe benötigt, bekommt sie. Hannelore Bansemir aus Oberhaunstadt wäre es unmöglich, alleine zum Einkaufen zu gehen. Sie sieht sehr schlecht und muss geführt werden. Kinder, die das übernehmen könnten, hat sie nicht, ihr Mann ist schon lange gestorben.

Mit den Busbegleitern zum Einkaufen zu gehen ist ein Highlight für sie. Christian Kopez geht heute zum ersten Mal mit ihr in einen Supermarkt. Vor der Haustüre erklärt sie ihm deswegen genau den Ablauf. „Und am Schluss gehen wir einen Bienenstich kaufen, einen großen. Den putz ich auch mal alleine weg, dafür ess ich nichts zu Abend.“

Die Aktion „Mobil für IN“ gibt es seit 2012 und ist ein Projekt des Unternehmens „IN-Arbeit“ der Stadt Ingolstadt. Dieses Projekt soll Arbeitslosen eine Beschäftigung geben, ohne anderen den Arbeitsplatz wegzunehmen. Doch eigentlich meldet man sich freiwillig. „Ich war zum Beispiel eigentlich nur wenige Tage arbeitslos, aber ich hab mich dazu berufen gefühlt“, meint Marcus. Seit 2012 konnten die Mobilitätshelfer fast 4000 Menschen helfen. Normal sind sie in Zweierteams unterwegs. Immer ein Mann und eine Frau, doch manche Kunden wir Hannelore Bansemir wünschen sich spezielle Begleiter. Natürlich versuchen die Mobilitätshelfer diesen Wünschen nachzukommen. Damit man sie auch erkennt, tragen alle Mobilitätshelfer ihren Ausweis an einem Band um den Hals.

Offiziell soll das Projekt im Dezember 2014 auslaufen. Natürlich kämpft das Team dafür, dass es weiter bestehen kann. „Die Menschen brauchen einfach Hilfe, manche von denen können ohne Begleitung ihre Wohnung nicht mehr verlassen und wir sind auch mehr als nur ein Fahrdienst, wie zum Beispiel die Caritas. Wir leisten den Kunden auch Gesellschaft.“ Wer die Hilfe von „Mobil für IN“ in Anspruch nehmen will, sollte sich mindestens einen Tag vorher anmelden. Nur in dringenden Fällten ist es auch am selben Tag noch möglich. Allein dieses Jahr haben die Mobilitätshelfer bereits über 400 Kunden betreut. Der Großteil ist übrigens weiblich. „Ich glaube Männer sind oft einfach zu stolz, um sich helfen zu lassen. Sie könnten ja dann schwach wirken“, sagt Christian.

Hannelore und ihre Begleiter sind inzwischen an der Bushaltestelle angekommen. Marcus und Kilian helfen der Dame in den Bus, Christian kümmert sich um die mitgebrachten Trolleys, in denen später der Einkauf transportiert werden soll. Während der ganzen Fahrt erzählt Hannelore Geschichten. Hauptsächlich über ihren Mann, den sie vor zölf Jahren verloren hat. „Ich hätte mir nie gedacht, dass ich so lang alleine Leben kann. Ein neuer Mann kam für mich nie in frage. Er hat mir damals sogar einen zweiten Fernseher gekauft und immer geputzt. Ich hab ihm in der früh immer ein Soufflet gemacht bevor er zur Arbeit gegangen ist“.

Dann ist die Zielhaltestelle auch schon erreicht und die Mobliltätshelfer kümmern sich darum, dass Hannelore sicher aus dem Bus und zum Supermarkt kommt. Sie ist richtig energiegeladen und muss immer wieder gebremst werden, damit sie sich nicht überanstrengt. Im Supermarkt tauscht sie dann den Rollator gegen einen Einkaufswagen. Obwohl sie kaum etwas sieht, geht sie zielsicher auf die einzelnen Regale zu. Sie weiß auswendig, wo sich was befindet. Ihre erste Beute: zwei Packungen Toast. Dann geht es über die Fleischabteilung zur Milch, dann zur Schokolade. Nach den Gewürzen braucht sie eine kurze Pause und sucht sich eine Bank.

Einkaufszettel hat die Frau keinen. „Ich kann mir alles merken. Ich schalt mir immer den Fernseher an, leg mich auf die Couch und dann überleg ich was ich brauche. Und am Abend im Bett geh ich dann im Kopf alles nochmal durch.“ Nach einer kurzen Pause geht es dann auch schon weiter. Sie braucht noch Preiselbeeren, Dosenmandarinen und ganz viel frisches Obst und Gemüse. Hannelore kocht nämlich gern. „Diese Woche mach ich mir noch selber Chicken-Nuggets mit Preiselbeeren“, meint sie stolz.

Nach dem Obst gibt es eine letzte Pause bevor in der Tiefkühlabteilung der obligatorische Bienenstich eingepackt wird. Heute aber nur der kleine. „Der reicht mir heut, ich hab so viele andere Sachen gekauft“, meint Hannelore. Zusammen mit den Mobiliätshelfern geht es dann an die Kasse. „109 Euro? Heute war ich aber ganz schön im Kaufrausch“, lacht Hannelore während ihre Helfer den Einkauf in die beiden Trolleys packen. Zur Erholung gibt es dann im Café gegenüber einen Apfelsaft, bevor sich die Gruppe wieder auf die Heimreise begibt.

Doch nicht alle Kunden haben so viel Energie wie Hannelore. „Wir haben auch welche, die wollen eigentlich gar nicht mehr leben. Die können ohne uns nichts mehr machen und wurden von ihren Kindern einfach in einem Heim abgeladen.“, erklärt Christian. „Es ist schön zu sehen, wie sie mit uns dann wieder ein bisschen Lebensfreude bekommen, weil wir sie in die Stadt begleiten und mit ihnen auf den Markt gehen. Oder auch nur mal einen Kaffee trinken.“

Vor Hannelores Wohnung angekommen kümmern sich die Begleiter darum, dass die Frau und ihre Einkäufe sicher in den zweiten Stock kommen. Alleine kann sie die Treppen kaum noch bezwingen. Marcus holt noch die Post und nimmt sie mit in die Wohnung. Während Kilian und Christian sich um den Einkauf kümmern, liest Marcus Hannelore die Post vor. Dann verabschieden sich die Helfer und es geht wieder zurück nach Ingolstadt. Ungefähr fünf Wochen muss Hannelore jetzt nicht mehr einkaufen gehen. Aber so lange dauert es nicht, bis sie ihre Helfer wiedersieht. Nächste Woche schon bringen sie sie zum Arzt.


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