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Münchner Bundespolizei zieht nach 16 Tagen und Nächten Ausnahmezustand Bilanz – Zahl der Strafanzeigen ging zurück, aber mehr gefährliche Körperverletzungen

(ty) Nach 16 Tagen und Nächten im Wiesn-Wahnsinn, in denen sich München im Ausnahmezustand befindet, zieht die Bundespolizei eine positive Bilanz des bundesweit größten zusammenhängenden Einsatzes. "Nach den streckenweise extremen Herausforderungen tausender, noch vor dem Oktoberfest in München ankommender Flüchtlinge, ist der Bundespolizei während der 182. Wiesn keine einzige körperliche Auseinandersetzung zwischen Wiesngästen und ankommenden Flüchtlingen gemeldet worden", sagt Polizeidirektor Jürgen Vanselow. Der Dienststellenleiter, dem während des diesjährigen Oktoberfestes rund 400 Beamte unterstanden, zog aber nicht nur deswegen eine positive Bilanz. "Es gab einen Rückgang in der Gesamtsicht aller Strafanzeigen – leider aber einen Anstieg im Bereich der gefährlichen Körperverletzungen an Haupt- und Ostbahnhof sowie in den S-Bahnen und am Wiesn-Haltepunkt Hackerbrücke".

Weniger Leute

Deutlich rückläufig gegenüber den Vorjahren nahm die Bundespolizei das Reisenden-Aufkommen am Münchner Hauptbahnhof und am S-Bahnhaltepunkt Hackerbrücke wahr. "Der reibungslose Zu- und Abfluss der Festbesucher ist für alle Einsatzkräfte ein zentraler Schwerpunkt", so der Chef der Münchner Bundespolizei zur Aufgabenstellung. "Deswegen sehe ich es mit einem lachenden Auge, wenn sich die Massenproblematik heuer gegensätzlich entwickelt hat. Selbst an den Schwerpunkttagen, den drei Samstagen, waren im Hauptbahnhof deutliche Lücken zu erkennen.“ Auch auf der Hackerbrücke nahmen die Einsatzkräfte, mit Ausnahme des Feiertag-Samstags dieses Jahr deutlich weniger Wiesngäste wahr. Die vor Jahren eingeführte Blockabfertigung musste heuer nicht angewandt werden.

Mehr herrenlose Gepäckstücke

"Weniger Störungen im S-Bahn- und Zugverkehr sowie ein Rückgang von Alkoholisierten in den Gleisbereichen bewahrten die Fahrgäste vor größeren  Behinderungen oder Störungen", so Vanselow. "Einzig die deutliche Zunahme von herrenlosen Gepäckstücken brachte für die Beamten deutlich mehr Einsätze. Darauf waren wir aber mit Sprengstoff-Suchhunden und Entschärfern bestens vorbereitet." Die Zunahme erklärt der Dienststellenleiter unter anderem mit der hohen Zahl am Hauptbahnhof abreisender Flüchtlinge, die mit Anlaufbescheinigungen zu ihren Erstaufnahme-Einrichtungen unterwegs waren. Dabei ließ offenbar so mancher die notwendige Sorgfalt im Umgang mit Gepäckstücken vermissen.

"Als hilfreich bei der Aufklärung von Straftaten hat sich einmal mehr die in München gut ausgebaute Videoüberwachung an Bahnhöfen, Haltepunkten und S-Bahnen gezeigt", berichtet Vanselow. "Dass unsere Einsatzleiter sich an nahezu allen Brennpunkten des Hauptbahnhofs, der Hackerbrücke sowie den Tunnelbahnhöfen zudem einen schnellen Überblick über die Lage verschaffen und damit noch schneller reagieren können", wertet er erneut als eines der Erfolgsrezepte des am späten Abend zu Ende gehenden Einsatzes. Bedeuten doch die rund sechs Millionen Oktoberfestbesucher den personenmäßig größten Einsatz, den die Bundespolizei in zwei Wochen bundesweit an einem Stück zu bewältigen hat.

Ungebremster Anziehungsmagnet für viele über die Hackerbrücke reisende Wiesngäste – aber auch Journalisten – war auch heuer wieder der Lautsprecherkraftwagen der Bundespolizei. "Auch wenn manche meinen, das Abspielen von Partymusik wäre dem Polizeieinsatz nicht angemessen. Die Erfahrungen zeigten erneut: Wer singt und tanzt, kann Wartezeiten besser ertragen, wird weniger  aggressiv und befolgt auch notwendige Lenkungsmaßnahmen", erklärt der Inspektionsleiter.

"Erfüllt mich mit Sorge"

Bei solch großen Menschenmassen und der Vielzahl stark alkoholisierter Wiesnbesucher kann es trotz vielfältigem Bemühen um Deeskalation nicht ausbleiben, dass es auch zu Straftaten kommt. Den Angaben zufolge gab es aber einen erfreulichen Rückgang in der Gesamtzahl aller erfassten Straftaten. Die Zunahme im Bereich gefährlicher Körperverletzung – insbesondere bei rückläufigen Besucherzahlen – „erfüllt mich aber mit einiger Sorge“, so Vanselow.

"Auch wenn Straftaten und Verletzungsintensität nur selten vergleichbar sind", so der Polizeidirektor, "sollte man nicht unerwähnt lassen, dass die betroffenen Opfer glücklicherweise fast ausnahmslos lediglich leichtere Blessuren davongetragen haben." Sicher sei das auch ein Verdienst des oft frühen Einschreitens der Einsatzkräfte, die im Zugangsbereich Bayerstraße Animositäten oft vorzeitig im Keim ersticken.

In der Bundespolizeistatistik wurden in bis 3. Oktober, 24 Uhr, 36 Körperverletzungen erfasst. Nach 31 Prozent Rückgang von 2013 auf 2014 waren dies nochmals sieben angezeigte Straften weniger. Der 27-prozentige Rückgang gefährlicher Körperverletzungen von 2013 auf 2014 setzte sich leider nicht fort. Bei insgesamt 20 Fällen wurden somit vier mehr – das sind 25 Prozent – als im Vorjahr registriert.

Seltener Widerstand gegen Beamte

Als "ungewöhnlich" kommentiert der Inspektionsleiter den deutlichen Rückgang an Widerstandshandlungen. Nach zehn im Jahr 2013 und einem Anstieg auf 15 im vergangenen Jahr, halbierten sich die Anzeigen beim 182. Oktoberfest auf acht. "Hier scheint unser Einsatzkonzept hin zu Vierer- und Sechserstreifen die erhoffte Wirkung nicht zu verfehlen", so Vanselow.

Auch im Diebstahlsbereich gab es gegenüber 86 im Vorjahr getätigten Anzeigen einen weiteren, sehr erfreulichen Rückgang auf 70 Fälle. "Hier dürften sich zurückliegende, aber auch aktuelle Erfolge unserer Taschendiebstahlsfahnder bei dem einen oder anderen Täter herumgesprochen haben“, so Vanselow. „Die meisten der Bestohlenen haben es den Tätern mit ihrem Verhalten oder ihrem physischen Zustand aber oft auch sehr einfach gemacht."

Weniger Beleidigungen, seltener Gewahrsam

Einen weiteren erfreulichen Rückgang verzeichnete die Bundespolizei bei Beleidigungen. Nach 46 im Jahr 2013 und 54 im Vorjahr wurden der Bundespolizei heuer nur 32 Delikte bekannt. Ein weiterer erfreulicher Trend war auch bei den Schutzgewahrsamnahmen – zumeist deutlich alkoholisierten Personen, die nicht mehr alleine weiterreisen konnten – zu verzeichnen. Nach 15 im Jahr 2013 und 22 im vergangenen Jahr schlossen sich die Gewahrsamstüren heuer nur acht Mal. Die Zellen waren aber aufgrund diverser Straftäter, die eingeschlossen und bis zur Haftvorführung verwahrt werden mussten, trotzdem meist gut ausgelastet, berichtet die Bundespolizei.

Zwei tragische Todesfälle

Besorgt und traurig blickt Vanselow auf zwei Tote zurück, die in alkoholisiertem Zustand den Wiesnbesuch leider nicht überlebt hatten. In der Nacht zum 22. September überfuhr eine leere S-Bahn auf dem Weg zur Abstellung einen 17-jährigen Schüler aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Er wollte zu Fuß zu seiner Freundin. Ob er die Gleise nur überquerte oder längs in den Schienen lief, wird nicht mehr zu klären sein.

Einem 32-jährigen Mexikaner, der mit einem Landsmann auf einem Güterzug am Südbahnhof eine Zigarette rauchte, kostete die fatale Frage, ob die Oberleitung Strom führt, das Leben. Als er sich erhob, stand er plötzlich in Flammen. Der einige Meter danebensitzende Freund versuchte erfolglos, ihn noch mit bloßen Händen zu löschen. Durch den Blick in den Blitzüberschlag erblindete er. Ob er jemals wieder sehen wird, wissen die Ärzte nicht.


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