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Stimmung und Selbstvertrauen bei den Freien Wählern im Kreis Pfaffenhofen scheinen grenzenlos – allerdings müssen sie sich einen neuen Chef suchen, und Max Hechinger hat schon abgewunken

Von Tobias Zell

Selbstvertrauen pur herrscht derzeit bei den Freien Wählern im Landkreis Pfaffenhofen. Das konnte man gestern Abend bei der Kreisversammlung in der Klosterschänke von Scheyern hautnah erleben. Jeder bedankte sich bei jedem, jeder lobte praktisch jeden. Man beglückwünschte sich zum Erreichten, gratulierte sich zu Wahlerfolgen, würdigte die Freien Wähler an sich, pries ihren Stil und ihre Ideen – huldigte sich selbst, wie man es eigentlich nur von der CSU kennt. Und doch steht ein großes Fragezeichen im Raum: Wer übernimmt den Kreisvorsitz? Der eigentlich noch recht frisch gewählte Christian Dierl hatte ja schon im April aus gesundheitlichen Gründen seinen Rückzug erklärt – und bekräftige diesen nun auch noch einmal. Und Max Hechinger, Fraktionschef im Kreistag und Vize des Kreisverbands, stellte klar, dass er nicht zur Verfügung steht.

Einen Wunschkandidaten für seine Nachfolge nannte Dierl nicht. Er sei aber sicher, dass man eine gute Lösung finden werde. Und er sei dann auch bereit im erweiterten Vorstand mitzuarbeiten. Gewählt werden soll der neue FW-Kreischef am Montagabend, 10. November, der Ort steht noch nicht fest. Dann findet die Jahreshauptversammlung statt, bei der turnusgemäß ohnehin die Neuwahl des kompletten Vorstands ansteht – und nach der auch personell wieder alles seine Ordnung haben soll. 

In sehr persönlichen Worten erklärte Dierl den rund 40 Anwesenden, warum er im Frühjahr, kurz nach der Kommunalwahl, das Handtuch geworfen hatte. Ihm sei es „sehr, sehr schlecht“ gegangen, über Jahre habe er sich zu viel aufgelastet. Eine Firma mit 22 Angestellten, die im vergangenen Jahr Projekte bis in Südamerika hatte, die Familie, der Hausbau, das Engagement in der Maler-Innung und im Gewerbeverein – und nicht zuletzt bei den Freien Wählern auf kommunaler und Kreis-Ebene. Dazu diverse Querelen und anstehende Koalitionsverhandlungen. Am Ende war das alles einfach zu viel. Dierl zog die Reißleine, trat seine Mandate im Kreistag und im Wolnzacher Gemeinderat nicht an, ließ seinen FW-Kreisvorsitz ruhen, zog sich aus der Politik zurück.

„Ein radikaler Cut“, wie er es selbst formuliert. „Damals ist mir gar nichts anderes übrig geblieben“, sagt er. Jetzt gehe es ihm wieder besser, „besser als je zuvor“. Doch seine Entscheidung steht. Ganz offiziell verkündete Dierl gestern Abend, dass er bei der anstehenden Hauptversammlung nicht mehr für das Amt des FW-Kreisvorsitzenden kandidieren werde. Den Freien Wählern werde er aber treu bleiben – wenn gewünscht, auch gerne im erweiterten Vorstand.

Max Hechinger bei seiner Rede – für den Kreisvorsitz steht er nicht zur Verfügung, stellte er klar.

Diese Personalie „tut richtig weh“, sagte Hechinger. „Das reut uns g’scheit“, meinte auch Herbert Nerb, Bürgermeister von Manching und neben Hechinger FW-Kreisvize. Doch Dierl erntete vor allem auch viel Anerkennung und Respekt für seine ehrlichen Worte und den Umgang mit der Situation. Auch vom Freisinger Landtagsabgeordneten Benno Zierer, der gestern ebenfalls nach Scheyern gekommen war. Gesundheit geht eben vor. Und wer Dierl gestern Abend gesehen und gehört hat, der kann unterschreiben: Dieser Mann hat für sich das Richtige getan, er ist wieder obenauf. Engagiert führte er durch die Versammlung, schwor seine Leute ein, pries den Zusammenhalt – und machte damit das Bedauern über seinen Rückzug nicht gerade kleiner. 

In Scheyern fand die gestrige Versammlung statt, weil man den Erfolg des hiesigen FW-Ortsverbands symbolisch honorieren wollte, wie Dierl erklärte. FW-Mann Manfred Sterz hat bekanntlich den Chefsessel im Rathaus erobert, die Zahl der Ratsmandate konnte von drei auf sechs verdoppelt werden. Und mit Katja Limpert stellen die Freien Wähler auch die Vize-Bürgermeisterin. Auf diese Entwicklung ging auch der Ortsvorsitzende Karlheinz Reil in seinem Grußwort ein. Bei der jüngsten Wahl habe sich das langjährige Engagement ausgezahlt, analysierte er. Die Freien Wähler machten sachliche, ehrliche Politik und stünden zu ihrem Wort. Das sei honoriert worden. Ähnlich äußerte sich Sterz, der auch von einem „optimalen Wahlkampf“ sprach. 

Dierl blickte auf die Kommunalwahlen im gesamten Landkreis zurück. „Wir haben einen ehrlichen, engagierten und fairen Wahlkampf geführt.“ Mit 17,33 Prozent der Stimmen sei man die drittstärkste Fraktion im Kreistag. Freilich man habe zwei Sitze auf nun zehn verloren. Doch angesichts vier gestandener Kreisräte, die sich nicht mehr zur Wahl gestellt hatten, sei das Ergebnis gut – außerdem standen diesmal auch kein Josef Schäch und keine Claudia Jung auf der FW-Liste. Mit Herbert Nerb und Manfred Sterz stellen die Freien Wähler nun zwei Erste Bürgermeister im Landkreis. Hinzu kämen sechs Zweite Bürgermeister und drei Dritte Bürgermeister. „Darauf sind wir sehr, sehr stolz“, so Dierl. Das zeige auch: „Mit uns kann und will man zusammenarbeiten.“ 

Rund 40 Freie Wähler waren zur Kreisversammlung nach Scheyern gekommen, die Stimmung ist bestens.

Auch im Kreistag habe die FW-Fraktion durch die Kooperation mit der CSU Verantwortung übernommen, betonte Dierl. Und Josef Finkenzeller mache als Dritter Landrat eine „hervorragende Arbeit“, er sei „nicht nur akzeptiert, sondern respektiert“. Unterm Strich bewertete Dierl das Ergebnis der Kommunalwahlen für die Freien Wähler im Landkreis als „durchaus erfolgreich“ – auch mit Blick auf das, was daraus entstanden sei und wie man nun mitgestalte. 

Kreistags-Fraktionschef Hechinger berichtete, wie es zur Kooperation mit der CSU gekommen ist, und betonte, dass man die Idee eines bunten Bündnisses „schnell verworfen“ habe, weil es aus Sicht der FW letztlich nicht in Frage gekommen sei, gegen CSU-Landrat Martin Wolf Politik zu machen. Die Kooperation mit den Christsozialen – Hechinger sprach von einer „losen Zusammenarbeit“ – sei das Beste gewesen, was die Freien Wähler „aus der Situation machen konnten“. Sachfragen hätten im Vordergrund gestanden, nicht Posten. „Wir fühlen uns wohl in dieser Konstruktion“, sagte er und pries die Freien Wähler als „verlässlichen Partner“, der ehrliche und faire Politik „mit offenem Visier“ mache. In der FW-Fraktion herrsche „ein wunderbares Miteinander“.

Hechinger ging auf die zentralen Punkte ein, welche die Freien Wähler in die Kooperation eingebracht haben. Zur Sicherung der Ilmtalklinik betonte er, dass FW und CSU die nötigen Erhöhungen der Kreisumlage mittragen würden. Das sei vereinbart worden. Die vom Kreistag mehrheitlich getroffene Entscheidung, auf einen Vergleich über 190 000 Euro mit dem fristlos gekündigten ehemaligen Klinik-Geschäftsführer Marco Woedl einzugehen, verteidigte Hechinger. Das sei „in Ordnung“. Zwar viel Geld, aber man dürfe dem Krankenhaus keine monatelangen Diskussionen bescheren. 

Außerdem verteidigte Max Hechinger erneut den Vorstoß zur Prüfung der Frage, ob im Kreis Pfaffenhofen – angedacht ist Rohrbach – eine Wirtschaftsschule entstehen kann. 250 junge Leute müssten aktuell aus dem Landkreis pendeln, um eine solche Schule zu besuchen. Er sei als Kreishandwerksmeister der Letzte, der dem Handwerk die Lehrlinge entziehen wolle, betonte er, aber als „Bildungslandkreis“ dürfe man sich der Realität nicht verschließen und den Überlegungen zu einer Wirtschaftsschule im Landkreis nicht verwehren. 

Dank an die ausgeschiedenen FW-Kreisräte Josef Alter, Albert Huch und Josef Stangl (Alois Eisenmann war nicht da). Mit auf dem Bild: Kreistagsfraktionschef Max Hechinger (von links), MdL Benno Zierer, Dritter Landrat Josef Finkenzeller sowie Noch-FW-Kreischef Christian Dierl  (rechts) und Manchings Bürgermeister Herbert Nerb (Dritter von rechts), der neben Hechinger auch Vize-Chef des FW-Kreisverbands ist.

Dass Dierl den Kreisvorsitz aufgibt, bedauerte auch Hechinger ausdrücklich. Zugleich stellte er klar, dass er selbst als Nachfolger „nicht geeignet“ sei, sprich: nicht zur Verfügung stehe. Er habe das Renten-Alter erreicht. Bei der Wahl des neuen FW-Kreischefs gehe es aber darum, den Kreisverband in die Zukunft gerichtet aufzustellen.

Dem neuen Dritten Landrat Josef Finkenzeller attestierte Hechinger eine „sehr gute Reputation in der Bevölkerung“. Finkenzeller selbst berichtete von einer „sehr ehrenvollen und hochinteressanten Aufgabe“. Er habe den Posten zum Wohle der Freien Wähler übernommen, nicht für sich. Auch er lobte die Zusammenarbeit in der Kreistags-Fraktion als „hervorragend“ – andere könnten sich freuen, wenn es nur annähernd so wäre.

Als Gast trat MdL Benno Zierer ans Rednerpult. Was die Freien Wähler in der Kommunalpolitik auszeichne, sei Zusammenarbeit über die Parteigrenzen hinweg, unterstrich er. Im Landtag dagegen gäbe es „keine Zusammenarbeit“ zwischen Regierung und Opposition. Der CSU-Regierung des Freistaats bescheinigte er eine „erschreckende Konzeptionslosigkeit in den Referaten“. Und er verstehe nicht, warum Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) nicht stärker führe und die Leute mitnehme. Für Kopfschütteln sorgt bei Zierer, dass Seehofer der Opposition angesichts deren scharfer Töne in der Affäre um die zurückgetretene Ministerin Christine Haderthauer die Gesprächsbereitschaft aufgekündigt hat: „Seehofer hat der Opposition noch nie die Hand gereicht.“

Offiziell verabschiedet wurden gestern die vier ausgeschiedenen FW-Kreisräte. Albert Huch (Manching) und Josef Alter (Geisenfeld) saßen je 24 Jahre in dem Gremium, Josef Stangl (Vohburg) 18 Jahre und Alois Eisenmann (Wolnzach) sechs Jahre.


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