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Ingolstadt: Die Affäre um Alfred Lehmann und der verspätete Zug an der Reißleine

Ein Kommentar von Michael Schmatloch

Einsiedel, Haderthauer, Lehmann. Die Ingolstädter CSU ist wahrhaft gesegnet mit Affären, denen man eine gewisse Fragwürdigkeit kaum absprechen kann. Alt-OB Alfred Lehmann steht nun mit seiner Beratertätigkeit bei dem Headhunter Labbé bereits zum zweiten Mal im Mittelpunkt einer Affäre, die ihn nicht nur sein Ansehen kostet, sondern auch seine Ämter.

War er vor der letzten Kommunalwahl als Oberbürgermeister-Kandidat sozusagen zurückgetreten worden von seiner Partei, weil die causa Einbogenlohe ihn und die CSU hätte deutlich Stimmen kosten können, so ist es dieses Mal seine ominöse Doppelrolle als Klinikums-Aufsichtsrat, Stadtrat und Headhunter, die ihn sein Stadtratsmandat und alle anderen öffentlichen Ämter kostet. Und wieder ist es kein freiwilliger Rückzug, sondern erneut ein "Zurückgetreten werden".

 

Wie gestern im Ältestenrat bekannt wurde, wurde nicht nur der ärztliche Direktor des Klinikums mit einem Kandidaten besetzt, den die Headhunter Agentur Labbé, für die Lehmann als Berater tätig ist, besorgt hat. Auch Baureferats-Chef Alexander Ring kam auf diesem Wege ins Amt. Und wenn im kommenden Jahr der Justiziar der Stadt, Helmut Chase, abgelöst wird, steht abermals ein Kandidat von Labbé im Rennen um die begehrte Position.

Schuldbewusstsein indes sucht man vergebens. „Ich weiß nicht, was daran nicht in Ordnung sein sollte“, hatte der Alt-OB gesagt, als bekannt wurde, auf welchem Weg der neue ärztliche Direktor in sein Amt gekommen ist. Immerhin ist Lehmann der Meinung, dass er seine Doppelrolle bei den Stellenbesetzungen vielleicht hätte irgendwie erwähnen sollen.

 

Stattdessen aber hat er sich zum Opfer einer Kampagne mit anonymen Briefen stilisieren lassen und zusammen mit seiner Partei den Eindruck vermittelt, diese Briefe seien der Grund für seinen Rückzug. Sind Berufspolitiker wirklich so dünnhäutig? Wohl kaum. Zumal diese anonymen Briefe, die unserer Redaktion vorliegen, weder ehrabschneidenden Inhalts, noch in einem Stil geschrieben sind, der den Tatbestand der Beleidigung oder gar des Rufmordes erfüllen würde. Wegen solcher Schreiben nimmt niemand seinen Hut. Wohl aber, wenn die Befürchtung besteht, es könnte noch mehr ans Tageslicht kommen. Oder die Partei könnte nachhaltig Schaden nehmen. Dann zieht die CSU gerne einmal die Reißleine. 

Es ist eben, wie der Komiker Heinz Erhardt einst meinte, ein paradoxes Phänomen: Je öfter eine Hand die andere wäscht, desto mehr Hände sind anschließend schmutzig. Und Ingolstadt schickt sich an, sich im Ranking „Fragwürdige Machenschaften“ einen Spitzenplatz zu sichern. 

Schade, dass die CSU immer erst die Reißleine zieht, wenn der Fallschirmspringer – um im Bild zu bleiben – bereits auf dem Boden aufgeschlagen ist. Schade auch, dass derartige aus der Gier geborene Affären auch denen in der CSU nachhaltig schaden, die über jeden Zweifel erhaben sind. Und da gibt es einige in der Partei. Schade nicht zuletzt, dass man es den Bürgern nicht in aller Offenheit sagt, wenn eine Partei aus Gründen der inneren Hygiene Abschied nimmt von einem, der die Linie übertreten hat. Vielleicht wäre der aktuelle Fall ein Anlass, die politische Transparenz wirklich einmal zu forcieren und aus der Ingolstädter Variante von Transparenz – der IN-Transparenz – eine echte werden zu lassen.


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