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Im Namen der "Musik Bewegt"-Stiftung überreichte der Star dem Intakt-Musikinstitut um Michael Herrmann einen Förderpreis für Mitsing-Konzerte in Seniorenheimen.

Von Christian Köpf

Die Hintertür zur Pfaffenhofener Intakt-Musikbühne öffnet sich. In gleißendes Sonnenlicht getaucht, als entspräche es einer geheimen Choreografie, betritt er den Raum. Wer? Niemand geringerer als Herbert Grönemeyer. Mit über 13 Millionen verkauften Tonträgern einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Künstler aller Zeiten und wohl keiner weiteren Vorstellung bedürfend. So ungewollt spektakulär zunächst sein Erscheinen, so bescheiden und sympathisch unkompliziert sein weiteres Auftreten.

Nach kurzem Durchatmen – vor allem seitens der zu diesem Festakt geladenen Gäste, die nur langsam realisieren, dass „Herbie“ nun tatsächlich vor ihnen steht – setzt sich der wohl bekannteste Bochumer prompt an den hintersten Stehtisch. Wohl um dem eigentlichen „Star“ dieses Nachmittags, dem Grund seines Kommens, nicht gänzlich die Show zu stehlen: Dem Pfaffenhofener Intakt-Musikinstitut mit dem Projekt „Volxgesang“. Insbesondere den von Musikschulleiter Michael Herrmann in diesem Rahmen initiierten so genannten Seniorenspecials.

Es geht um Mitsing-Konzerte in Seniorenheimen, die Grönemeyer als einer von fünf Gesellschaftern der gemeinnützigen Berliner Stiftung „Musik Bewegt“ zusammen mit Josefine Cox, Mitbegründerin und Geschäftsführerin dieser Online-Spenden- und Aktionsplattform, mit dem Förderpreis 2016 auszeichnen durfte. Weiterer Preisträger des Jahres in dieser Kategorie ist ein Sommercamp mit klassischer Orchestermusik zur Integration von geflüchteten Kindern in Berlin.

An die 40 ausgewählte Zeugen dieses denkwürdigen Moments hatten sich anlässlich des hohen, bereits im Vorfeld auf höchstes Inkognito bedachten Besuchs im Kellerparterre der gemeinnützigen Pfaffenhofener Musikschule versammelt. Darunter neben den Protagonisten des Volxgesangs unter anderem Bürgermeister Thomas Herker (SPD), Vertreter der Pfaffenhofener Seniorenheime St. Franziskus und Vitalis mit einigen Bewohnern sowie Sponsoren von Banken und Gewerbe, außerdem Intakt-Mitarbeiter und -Musiklehrer.

Um was genau es sich beim Volxgesang handelt, erläuterte Gastgeber Herrmann dann kurz in seiner launigen Begrüßung. Neudeutsch könnte man das Ganze etwa als „Public Singing“ bezeichnen. Denn bei diesen nicht nur hierzuorts mittlerweile bestens bekannten und beliebten Veranstaltungen kann das Publikum lauthals selbst mitsingen. Die Texte kommen vom Beamer, die Musik vom Klavier. Unter anderem gastieren Herrmann und seine Mitstreiter mit diesem Konzept und großem Publikumserfolg regelmäßig im Münchner Wirtshaus im Schlachthof. „Jeder kann mitsingen“, so Herrmann, „egal ob alt oder jung, Anfänger oder Profi“. Herrmann betont: „Die erste Regel des Volxgesangs lautet, es gibt kein zu laut. Und die zweite: Es gibt kein zu falsch.“

Schon zu seiner Studienzeit, also vor nunmehr etwa 20 Jahren, besuchte Herrmann ohne jeglichen Eigennutz immer mal wieder Seniorenheime, mit Keyboard und kleinen Textheftchen im Gepäck, um gemeinsam mit den Bewohnern zu singen. Natürlich singe man in Seniorenheimen weniger aktuelle Chart-Hits; eher alte Volkslieder wie „Kein schöner Land“ oder die „Capri-Fischer“, aber auch Gassenhauer von Elvis Presley oder Freddy Quinn kämen bestens an. Inzwischen integriert in die Volxgesang gGmbH unter der Leitung der geschäftsführenden Gesellschafterin Nicole Wagner aus München, habe sich das Seniorensingen bestens etabliert und könne nun mit dem Preisgeld von 1600 Euro weiter ausgebaut sowie auf eine solide finanzielle Grundlage gestellt werden.

„Das Thema Alter ist uns sehr wichtig und wird oft vernachlässigt“, sagte Josefine Cox, Mitbegründerin und Geschäftsführerin der Berliner Online-Spenden- und Aktionsplattform „Musik Bewegt“, in ihrer Laudatio zur Idee des Singens mit Senioren.

An die 70 innovative Hilfsprojekte vereint und fördert die 2015 gegründete „Musik Bewegt“-Stiftung aktuell, so Josefine Cox. Bekannte Künstler wie Daniel Barenboim, Andreas Bourani oder José Carreras, Udo Lindenberg und Peter Maffay engagieren sich mit ihrem Namen für mehr soziale Gerechtigkeit und versuchen dabei, über die Non-Profit-Plattform Spenden zu akquirieren für Initiativen, die ihnen persönlich am Herzen liegen: Ob nun für Ärzte ohne Grenzen, die Deutsche Krebshilfe – oder eben auch für eine Vielzahl an kleineren und größeren Bildungs- und Musikprojekten.

Von der Idee des Singens mit Senioren, mit der sich das Volxgesang-Team beworben habe, sei man derart angetan gewesen, dass man es umgehend mit dem Förderpreis bedachte: „Das Thema Alter ist uns sehr wichtig und wird oft vernachlässigt“, so Cox in ihrer Laudatio: „Musik schafft Erinnerungen und vermittelt Geborgenheit. Gerade dadurch kann Musik viel bewegen.“

Das attestierte auch Harald Fink, Leiter des Seniorenheims Vitalis, in seinem Erfahrungsbericht. Musik bewege demnach nicht nur durch Mitsingen oder Wippen, sondern veranlasse ältere Menschen auch zu einer kleinen „Zeitreise“. Außerdem: „Senioren kommen häufig nicht mehr an die Öffentlichkeit, also muss die Öffentlichkeit zu den Senioren kommen.“ Und, gerichtet an Herrmann: „Kommen Sie wieder zu uns, vielleicht ist das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“

Claudia Orlishausen (von links, Intakt-Musikinstitut), Julian Oswald (Volxgesang), Patricia Descy (Prokuristin des Intakt-Musikinstituts), Herbert Grönemeyer, Nicole Wagner (Volxgesang), Michael Herrmann (Leiter des Intakt Musikinstituts), Christoph Naleppa (Volxgesang).

Herrmann seinerseits griff in einer kurzen Danksagung ebenfalls den Aspekt Öffentlichkeit auf und freute sich diesbezüglich vor allem ganz besonders darüber, für etwas einen Preis zu erhalten, das anders als sonstige gemeinnützige Projekte des Intakt-Musikinstituts – wie etwa Musikkurse für Flüchtlinge oder sozial Benachteiligte – bislang kaum publik gemacht wurde. Wie sehr ihm das Seniorensingen persönlich am Herzen liege und wie viel es ihm emotional zurückgebe, versuchte er in einer anrührenden Erzählung darzulegen über einen katatonischen Patienten, der seit einem Schlaganfall vor über zehn Jahren nicht mehr ansprechbar war, geschweige denn sich mitteilen konnte. Beim gemeinsamen Singen jedoch erwachte er immer wieder für kurze Zeit aus seiner Apathie, was nicht nur Betreuer und Verwandte unerklärlich fanden, sondern auch Eingang fand in medizinische Fachpublikationen.

Was Musik bewegen und welch „unglaubliches Geschenk“ sie sein könne, „wenn man anderen damit eine Freude machen kann“, davon erzählte schließlich auch Herbert Grönemeyer aus eigener Erfahrung mit seiner 90-jährigen Mutter: Sie lebe in ihrer eigenen Welt, spreche kaum noch, aber „wenn ich mit ihr singe oder auf dem Klavier spiele, lächelt sie oder wippt im Takt mit. Das tut uns beiden gut.“

Zum Ende des offiziellen Teils kamen die Gäste auch noch kurz und unvorbereitet in den Genuss Grönemeyer’scher Sangeskunst – und das auch noch auf bayerisch: Ließen es sich doch die Volxsänger Michael Herrmann am Klavier und Julian Oswald an der Gitarre (wie Herrmann Musiklehrer am hiesigen Schyren-Gymnasium) nicht nehmen, eine kleine Demonstration ihrer Mitsingkonzerte aufzuführen: „Es muaß a Sonntag g’wesn sein“ vom Kraudn Sepp. Und beim Refrain „Es war ein Glückstag ganz gewiss, wie unser Bayernland entstanden ist“, da hörte man ganz deutlich und unverkennbar einen satten Tenor mitschmettern. Ein Glückstag für das Intakt-Musikinstitut war diese prominente Preisverleihung ganz sicher. Und ein weiterer Anstoß, Gutes zu tun – und auch darüber zu reden.

Hier lesen Sie ein Interview mit Herbert Grönemeyer: "Ich sehe, dass die Welt momentan sehr nervös ist"



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