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Michael Bentlage, Akademischer Rat an der TUM, sprach gestern im Pfaffenhofener Sparkassen-Casino auch über seine Vision der polyzentrischen Entwicklung

(ty) Die Metropol-Region München boomt – und es ist kein Ende absehbar. Nach Dafürhalten von Michael Bentlage, Akademischer Rat an der TUM, stehen die Zeichen weiter auf dynamisches Wachstum. Die zentrale Frage bei seinem Vortrag auf Einladung der Sparkasse Pfaffenhofen am gestrigen Abend war also nicht, ob der Boom anhält, sondern vielmehr wie die Entwicklung innerhalb der Metropolregion in Zukunft gestalten werden sollte. Bentlage hat aus Experten-Sicht eine klare Vision: Weg von der Konzentration auf München und hin zu einer polyzentrischen Entwicklung, weg von der radialen und hin zu einer tangentialen Struktur. Doch die Realität sieht bislang anders aus, denn die Weichenstellungen der Politik gehen nach wie vor in die entgegengesetzte Richtung

Sparkassen-Vorstandschef Norbert Lienhardt freute sich bei der Kundenveranstaltung über ein volles Sparkassen-Casino. Unter den gut 200 Zuhörern begrüßte er auch hochrangige Vertreter aus Politik und Wirtschaft – allen voran Martin Wolf (CSU), Pfaffenhofener Landrat und Verwaltungsrats-Chef der hiesigen Sparkasse. Lienhardt stellte den Referenten als einen der führenden Experten auf dem Gebiet der Standort-Entwicklung mit einer "hohen Wissensbiografie" vor und stimmte die Zuhörer mit ein paar grundlegenden Zahlen und Fakten auf den Vortrag ein.

"Die Entwicklung in der Metropolregion München betrifft uns alle und jeder hat Berührungspunkte mit diesem Thema." So eröffnete Bentlage seinen Vortrag. Es seien gerade auch die negativen Begleiterscheinungen des Booms – wie hohe Mieten und Immobilienpreise oder die immer stärkere Verkehrsbelastung –, die jeder zu spüren bekomme. Dennoch ziehe es gerade die jungen Menschen immer noch stärker in die Ballungszentren und so werde das räumliche Ungleichgewicht weiter zunehmen. Seine Aussage belegte der Referent mit verschiedenen Statistiken und Studien – unter anderem zu Schwarmverhalten beziehungsweise Kohortenwanderung der jüngeren Generation.

In diesem Zusammenhang widersprach er auch der Meinung, durch Internet und fortschreitende Digitalisierung – in Verbindung mit dem Trend weg von stationären und hin zu mobilen Arbeitsplätzen – würden die Ballungszentren auf längere Sicht weniger attraktiv und an Bedeutung verlieren: "Die neuen Technologien werden sicher einiges verändern", sagte er. "Arbeitswelt und Wissenstransfer werden dadurch mobiler. Sie können aber die nahräumliche Interaktion nicht auflösen und den Face-to-Face-Kontakt nicht ersetzen. München hat dabei alle Zutaten einer innovativen Gesellschaft“, so Bentlage. 

Die Metropolregion München sieht er deshalb weiter auf dynamisches Wachstum programmiert. Ein weiterer großer Vorteil der Ballungszentren sei dabei, dass bei einem Wohnort- und/oder Arbeitsplatzwechsel das soziale Umfeld erhalten bleibe. Und die großen Arbeitgeber wollen natürlich möglichst viel Bevölkerung um sich herum und damit eine hohe Verfügbarkeit an Fachkräften haben.

Weiter ging Bentlage der Frage nach: Wie viele Menschen leben im Umkreis von 45 Auto-Minuten um einen Standort? Um den Hauptbahnhof München sind es 2,7 Millionen, um das Autobahnkreuz München-Nord sogar 3,1 Millionen. Und um Pfaffenhofen immerhin noch 1,7 Millionen. Das Gegenbeispiel liefert Zwiesel mit nur 0,2 Millionen. Gerade der Münchener Norden steht laut dem Referenten bei der weiteren Entwicklung im Fokus. So auch bei der seit rund zehn Jahren festzustellenden Bewegung innerhalb des Ballungsraumes aus München hinaus.

Im Rahmen einer Studie ermittelte Bentlage im Jahre 2016 mit zwei wissenschaftlichen Kollegen die Entscheidungs-Kriterien bei einem Wohnortwechsel innerhalb der Metropolregion München. Unter den insgesamt 7302 Befragten kristallisierten sich drei klare "Bewegungsmuster" heraus: Erstens: Konzentriertes Angebot, um einen urbanen Lebensstil zu pflegen. Zweitens: Komfortableres Wohnen – nicht zwangsläufig das Eigenheim im Grünen. Drittens: Verringerung der Fahrzeit zur Arbeit auf und der Fahrtkosten.

Bleibt die zentrale Frage: Wie kann das vermutlich weiter dynamische Wachstum in der Metropolregion in vernünftige Bahnen gelenkt werden? Für Bentlage liegen die Schlussfolgerungen aus seinen Studien auf der Hand: "Es kann nicht alles auf die Stadt München ausgerichtet bleiben." Das erfordere auch ein Umdenken beim weiteren Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) und eine Abkehr vom radialen Spinnennetz mit Konzentration auf München. "Gleichzeitig müssen Urbanisierungs-Prozesse an anderen Standorten angestoßen werden. Die Lösung ist eine polyzentrische Metropolregion."

Doch womöglich aufkommende Erwartungen und Hoffnungen bei den Zuhörern erhielten vom Referenten postwendend einen Dämpfer. Er sieht aktuell die Entwicklungs-Dynamik weiter ganz auf München konzentriert – und mit der zweiten Stammstrecke der S-Bahn wird dieses System nach Ansicht von Bentlage nur noch weiter zementiert. Selbst im Falle eines Umdenkens müsse man damit rechnen, dass aufgrund der extrem langen Planungs- und Genehmigungs-Verfahren bis zur Realisierung noch Jahrzehnte vergehen.

Bei der anschließenden Diskussion sprach sich auch Landrat Wolf für "Ringschlüsse" innerhalb der Metropolregion aus. Das Schlusswort gehörte Sparkassen-Chef Lienhardt: "Es gibt viele Chancen. Wir brauchen aber ein klares Zielbild und Gestaltungswillen", befand er. "Die Idee alleine bringt uns nicht weiter. Wir müssen hart mit der Politik diskutieren."


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