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Obwohl es keinen politischen Beschluss gibt, der das deckt, sollten bei der Generalsanierung des Pfaffenhofener Krankenhauses bestimmte Bereiche außen vor bleiben. Nicht einmal im Landratsamt wusste man davon.

Von Tobias Zell 

Wenn mitten in der Ferienzeit der Aufsichtsrat der hochdefizitären Ilmtalklinik-GmbH zusammengerufen wird, dann lässt sich schon erahnen, dass die Hütte brennt. Gestern erfuhren die Mitglieder des Kontroll-Gremiums sowie danach auch die Spitzen der Kreistags-Fraktionen: Teile des Pfaffenhofener Krankenhauses sind in den bisherigen Planungen für die Generalsanierung, die eigentlich 2018 starten soll und auf etwa 75 Millionen Euro geschätzt wird, gar nicht berücksichtigt. Das überrascht sogar Insider. Selbst im Landratsamt ging man bis dato davon aus, dass das ganze Haus – das ja dem Landkreis gehört – renoviert wird. Es gebe auch keinen anders lautenden Beschluss, hieß es auf Anfrage. 

Es ist ein beispielloses Großprojekt, das dem Landkreis Pfaffenhofen da ins Haus steht. Die Ilmtalklinik soll generalsaniert werden. Die Planungen laufen längst, noch heuer sollten eigentlich die ersten Arbeiten beginnen. Im März hatte sich der Kreistag – für manchen ohnehin reichlich spät – in einer Sondersitzung mit dem Thema befasst. Nach damaligen Stand ging man davon aus, dass sich die Sanierung über rund zehn Jahre hinziehen und wohl 70 bis 75 Millionen Euro verschlingen wird – darin enthalten die bereits angestoßenen, dringenden Nachbesserungen in Sachen Brandschutz, die laut Landratsamt rund sechs Millionen Euro kosten.  

Unterm Strich investiert der Landkreis nach letzten Schätzungen in den nächsten Jahren aus eigenen Mitteln vermutlich zirka 20 Millionen Euro in den Klinik-Komplex, der Rest fließt vom Freistaat Bayern. Außerdem trägt der Kreis Pfaffenhofen 85 Prozent des jährlichen Defizits, das die Ilmtalklinik-GmbH mit ihren beiden Krankenhäusern in Pfaffenhofen und Mainburg erwirtschaftet. In der besagten Sondersitzung waren erstmals Details zu der anvisierten Generalsanierung bekanntgegeben worden. Stefan Link vom Projektsteuerer „Hitzler Ingenieure“ aus München erläuterte die Eckpunkte des Mega-Vorhabens und legte den geplanten Zeitablauf dar. Demnach gehen die laufenden Brandschutz-Maßnahmen nahtlos in die eigentliche Generalsanierung über. 

 

In insgesamt sechs Bauphasen soll das Krankenhaus baulich auf Vordermann gebracht werden; der Abschluss sei für das zweite Quartal 2026 geplant. Wobei Insider inzwischen stark bezweifeln, dass das Vorhaben tatsächlich binnen zehn Jahren umsetzbar ist. Die Generalsanierung erfordert jedenfalls hohen logistischen Aufwand, denn der Klinik-Betrieb muss durchgehend aufrecht erhalten bleiben. Deshalb erfolgen die Arbeiten in mehreren Abschnitten. Aber es wird nicht nur saniert, sondern auch erweitert: Die Geburtshilfe bekommt neue Räume, auch der OP-Bereich zieht in eine noch zu errichtende Erweiterung des Gebäude-Komplexes. Bauphase vier sieht zudem einen Erweiterungsbau für die Allgemeinpflege vor. 

In der besagten Kreistag-Sitzung im März ging es auch um die Fassaden-Gestaltung sowie um die Frage, ob die Patienten-Zimmer ein bisschen vergrößert werden sollen. Keine Rede war indes davon, dass Teile des rund 30 Jahre alten Krankenhaus-Komplexes bei der Generalsanierung außen vor bleiben sollen. Das offenbarte nun gestern die neue Geschäftsführung dem Aufsichtsrat: Geschäftsführer Ingo Goldammer und Noch-Prokurist Christian Degen, die ab kommendem Jahr als Doppelspitze fungieren sollen. Das Aufsichts-Gremium, so wird kolportiert, soll jedenfalls mächtig überrascht bis schockiert gewesen sein von dieser Botschaft. Kein Wunder, denn daraus ergibt sich eine völlig neue Situation, die Zündstoff birgt und viele Fragen aufwirft. 

Das bisherige Sanierungs-Konzept, das Goldammer und Degen offenbar von ihren Vorgängern – in erster Linie wohl Marcel John – hinterlassen worden war, beinhaltet nach Aussagen der beiden größtenteils nur förderfähige Bereiche des Krankenhausbetriebs. Dagegen seien nicht förderfähige Bereiche – konkret genannt werden die Praxen im Erdgeschoss, die physikalische Therapie und die Küche – bislang nicht in die Planungen miteinbezogen worden.

 

Das ist höchst verwunderlich, weil man bislang davon ausgehen konnte, dass die komplette Klinik saniert wird – und dass eben den Teil der Kosten, den der Freistaat Bayern nicht übernimmt, der Landkreis als Gebäude-Eigentümer bezahlt. Im Landratsamt ging man grob von einem Eigenanteil des Kreises in einer Größenordnung um 20 Millionen Euro aus. Deshalb, so wurde unserer Redaktion heute auf Anfrage erklärt, hat man im Zuge der Landkreis-Finanzplanung für die nächsten zehn Jahre auch jeweils zwei Millionen Euro per anno berücksichtigt. 

Noch deutlicher wird das Problem, wenn man die unmissverständlichen Antworten liest, die das Landratsamt heute auf weitere zwei Fragen unserer Zeitung schnell gegeben hat. Ist der Landkreis (Landratsamt) – zum Beispiel bei der Haushalts- und Finanzplanung – bislang davon ausgegangen, dass die komplette Pfaffenhofener Klinik saniert wird? Antwort: „Ja.“ Gab es einen Beschluss von Landkreis-Gremien, dass – wie nun herauskam – Teile der Klinik nicht in die Sanierungs-Planungen einbezogen werden sollen? Antwort: „Nein.“ 

Die Fragen, die sich nun stellen, liegen auf der Hand: Wer hat wann, warum und auf welcher Grundlage entschieden, angeordnet oder verfügt, dass bestimmte Bereiche des Krankenhauses aus den Sanierungs-Planungen herausgehalten werden? Und wie ist das genau gelaufen, wenn es laut Landratsamt gar keinen entsprechenden politischen Beschluss gab? 

Es sei „nicht aktiv entschieden“ worden, diese Bereiche auszuklammern, sagte Bianca Frömer, die Sprecherin der Ilmtalklinik-GmbH, heute auf Anfrage. Zugleich erklärte sie, dass zum Beispiel die vermieteten Praxen im Erdgeschoss bei den Sanierungs-Planungen „von Anfang an nicht berücksichtigt“ worden seien. Warum und auf wessen Geheiß hin man so verfahren ist, das konnte Frömer heute jedoch auch nicht sagen. Das werde gerade „recherchiert“ und „rausgesucht“. 

Dem Vernehmen nach sollen nun sämtliche Protokolle aus allen möglichen Sitzungen durchforstet werden, um herauszufinden, ob sich das noch irgendwie nachvollziehen lässt. Hinter den Kulissen glühen nach Informationen unserer Zeitung seit gestern die Drähte. Wurde die Kreispolitik hier düpiert? Wusste der Aufsichtsrat, der doch gerade eine Kontroll-Funktion innehat, wirklich nichts? Warum war das Landratsamt nicht informiert? Und vor allem: Wer ist verantwortlich für dieses Malheur, das die neuen Klinik-Führungskräfte Goldammer und Degen da jetzt aufgedeckt haben?

Landrat Martin Wolf (CSU), zugleich Chef des Aufsichtsrats, kann derzeit nichts zur Aufhellung beitragen, weil er bekanntlich seit seinem schweren Unfall am 2. April im Krankenstand ist. Er war es aber auch, der im März noch gegenüber unserer Zeitung gerade nicht den Anschein erweckte, als würde es hier nur um eine Sanierung von Teilen der Klinik gehen. Er betonte, dass die in Zusammenhang mit der Sondersitzung genannten Zahlen – bezüglich der Kosten und der möglichen Förderung durch den Freistaat – noch nicht fix seien. Diese Daten seien vorbehaltlich der tatsächlichen Kostenberechnung. Hintergrund ist auch, dass der Freistaat nur Maßnahmen fördert, die für den Versorgungsauftrag einer Klinik notwendig sind. Die Gestaltung der Außenanlagen muss zum Beispiel der Landkreis selbst bezahlen, das gilt auch für Funktionsstellen wie die Speiseversorgung und die Klinik-Apotheke oder für refinanzierbare Kosten wie WLAN, Patienten-Fernsehen oder Patienten-Telefon. Vor diesem Hintergrund waren die Kosten, die am Ende am Landkreis selbst hängen bleiben, eben noch nicht so ganz genau zu beziffern. Man ging aber – inklusive Brandschutz-Sanierung – etwa von den genannten 20 Millionen Euro aus. 

Seit gestern ist nun alles anders. Die ans Licht gekommene Situation war so brisant, dass Vize-Landrat Anton Westner (CSU), der in Vertretung von Wolf die Geschäfte im Landratsamt führt und deshalb auch übergangsweise als Chef des Aufsichtsrats der Klinik-GmbH fungiert, mitten in der Urlaubszeit zu einer „Sondersitzung“ rief.  Weitere Detailprüfungen in der Bauablauf-Planung hätten nunmehr ergeben, teilte die Klinik-Leitung mit, „dass es zukunftsträchtiger für das Gesamthaus ist, alle Bereiche vollumfänglich in der Generalsanierung zu berücksichtigen“. Davon war, wie gesagt, ohnehin jeder ausgegangen. 

Ferner steht laut Klinik-Leitung inzwischen fest, dass einige der fünf niedergelassenen Arzt-Praxen, die im Erdgeschoss des Pfaffenhofener Krankenhauses untergebracht sind, ihren Betrieb künftig an einem anderen Standort weiterführen wollen. Die betreffenden Verträge seien von den Mietern bereits gekündigt, sagte Frömer heute. Inklusive 2018 bleibe aber noch alles wie gehabt. Jedenfalls ergibt sich aus den Kündigungen „eine neue Planungsgrundlage, aufgrund der das ursprüngliche Raumkonzept erweitert werden musste“, so die Klinik-GmbH gestern. 

Den Anstoß für die neue Lage gaben die Arzt-Praxen, sagt Frömer. Warum unter anderem diese aber nicht saniert werden sollten, bleibt vorerst unklar. Hinter den Kulissen macht folgende Spekulation die Runde: Auf Basis des Gutachtens von „Ernst & Young“ zur wirtschaftlichen Sanierung der hochdefizitären Klinik-GmbH sollten die Verträge mit den eingemieteten Praxen angepasst werden. Mehrere haben gekündigt. So zeichnete sich ab, dass es freie Flächen geben wird. Und als sich die neue Geschäftsführung – freilich auch vor dem Hintergrund der anstehenden Sanierung – mit diesem Thema befasste, kam heraus, dass mehrere Bereiche gar nicht saniert werden sollten. Das ist, wie gesagt, Mutmaßung. Weder Goldammer noch Degen waren heute Abend telefonisch erreichbar.

Um nun eine komplette Sanierung zu erreichen, muss umgedacht werden. „Dieses erweiterte Planungskonzept wurde im Hinblick auf mögliche zeitliche und kostenseitige Faktoren jetzt in der Aufsichtsratssitzung diskutiert, um Verzögerungen in der Gesamtschau zu vermeiden“, teilte die Klinik-GmbH gestern mit. „Abschließende zeitliche sowie finanzielle Auswirkungen werden zeitnah in der nächsten Aufsichtsrat-Sitzung am 20. September durch die jeweiligen Fachplaner vorgestellt.“ 

Anders gesagt: Das Thema Generalsanierung wird noch einmal komplett neu betrachtet – bezüglich Umfang, Kosten und Dauer. Nach Informationen unserer Zeitung sind die gut 70 Millionen Euro, die bislang im Raum standen, möglicherweise nicht mehr zu halten. Nicht realistisch ist dem Vernehmen nach auch der Zeitraum von zehn Jahren, der bislang anvisiert worden war. Während dieser von Beginn an als „sportlich“ und „sehr ambitioniert“ beurteilt wurde, gehen Insider inzwischen davon aus, dass man sich eher auf mindestens 15 Jahre einstellen sollte. Die längere Bauzeit könnte wiederum zusätzlich die Kosten erhöhen.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund wurde jetzt auch erstmals offiziell ein möglicher Neubau thematisiert. Zumindest will man sich mit dieser Variante befassen. Die neue Geschäftsführung informierte gestern nach eigenen Angaben die Mitglieder des Aufsichtsrats darüber, dass die vorherigen Geschäftsführungen bislang keine Berechnungen für einen optionalen „Ersatzneubau“ eingeholt haben. Somit „erfolgte keine unmittelbare Gegenüberstellung der Kosten für einen Neubau im Vergleich zur Generalsanierung“. Was durchaus verwundert: Bevor man gut 70 Millionen Euro in ein 30 Jahre altes Gebäude steckt, lässt man sich in der Regel zumindest mal ausrechnen, was ein Neubau kosten würde. 

Das soll jetzt auch nachgeholt werden, und zwar schleunigst. Wie unserer Zeitung gestern aus der Geschäftsführung bestätigt wurde,  soll ein unabhängiger Fachmann, der auch nicht in die Sanierungs-Planungen involviert ist, ermitteln, was ein Krankenhaus-Neubau kosten würde. Auch dieses Ergebnis soll bis zur nächsten Aufsichtsrat-Sitzung am 20. September vorliegen. Bei diesem Termin wird es dann so einiges zu besprechen geben, das steht heute schon fest.

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